Diktate, Notizen, halbfertige Gedanken im Notizbuch. Wer viel schreibt, kennt diesen Zwischenzustand: Der Inhalt ist da, die Form fehlt. Genau hier hat KI meinen Arbeitsablauf umgekrempelt, und zwar nicht durch automatisches Texten, sondern durch das Verfeinern meiner eigenen Rohtexte. Meine These: Wer KI nur zum Generieren neuer Texte nutzt, verschenkt das größte Potenzial. Der eigentliche Hebel liegt im Bearbeiten dessen, was schon da ist.
Warum ich beim Rohtext bleibe
Ich könnte mir Artikel komplett von einer KI schreiben lassen. Mache ich aber nicht, jedenfalls nicht bei Themen, die mir wichtig sind. Denn der Rohtext ist die Substanz. Da steckt meine Erfahrung drin, meine Haltung, mein Blickwinkel. Wenn ich diesen Schritt überspringe, bekomme ich am Ende einen technisch sauberen Text, der austauschbar wirkt. Mit anderen Worten: ohne Rohtext kein Profil.
Mein Diktat ist oft chaotisch, voller Wiederholungen, unfertiger Sätze und gedanklicher Sprünge. Genau das ist gewollt. Ich will im ersten Schritt nicht formulieren, sondern denken. Die KI kommt erst dazu, wenn der Denkprozess durch ist.
Mein typischer Bearbeitungslauf
Ich diktiere meinen Rohtext in mein Handy, meistens beim Spazierengehen. Anschließend werfe ich die Transkription in meinen Schreibagenten (bei mir Bernd, falls du meinen alten Blog kennst) und gebe ihm einen klaren Auftrag: Struktur erkennen, Wiederholungen entfernen, Gedankensprünge glätten. Aber, und das ist mir wichtig, keine neuen Inhalte erfinden.
Danach kommt der Teil, den viele unterschätzen: Ich lese den von der KI bearbeiteten Text und vergleiche ihn mit meinem Rohtext. Was hat sie weggelassen, was war eigentlich wichtig? Wo hat sie geglättet, wo eine Spitze verschwunden ist, die ich behalten will? Ich nenne das den Rückabgleich. Ohne ihn entsteht ein Text, der zwar flüssig liest, aber meine Ecken und Kanten verloren hat.
Was KI gut kann und was nicht
KI ist großartig im Umformulieren, Kürzen und im Aufbauen einer logischen Reihenfolge. Sie ist auch gut darin, mir Alternativen für Formulierungen anzubieten, bei denen ich selbst feststecke. Was sie schlecht kann: meine Haltung treffen. Sie tendiert zu Ausgewogenheit, zu Superlativen, zu glatten Übergängen. Wenn ich provoziere oder pointiert formuliere, schleift sie das gerne wieder ab.
Deshalb arbeite ich mit klaren Anweisungen im Systemprompt. Bei mir steht zum Beispiel: keine Superlative, keine Phrasen wie „in der heutigen schnelllebigen Welt“, keine Gedankenstriche, kurze Sätze bevorzugen. Solche Vorgaben bringen mehr als jedes Nachpolieren.
Meine wichtigsten Eingriffe nach der KI-Bearbeitung
Auch nach mehreren Iterationen mit der KI gehe ich immer noch einmal selbst durch den Text. Drei Dinge prüfe ich konsequent.
Erstens: Stimmt die Aussage noch? KI verschiebt manchmal subtil die Bedeutung, weil sie eleganter formulieren will. Aus „ich bin überzeugt“ wird „es lässt sich annehmen“. Aus einer These wird eine Beobachtung. Solche Verschiebungen muss ich aktiv zurückdrehen.
Zweitens: Klingt das nach mir? Wenn ich Sätze lese, die ich so nie sagen würde, fliegen sie raus. Lieber etwas holpriger und authentisch als geschliffen und beliebig.
Drittens: Ist noch Substanz da? Manchmal hat die KI so stark gekürzt, dass am Ende nur noch Überschriften mit Allgemeinplätzen übrig bleiben. Dann gehe ich zurück zum Rohtext und hole konkrete Beispiele oder Erfahrungen zurück.
Was sich für mich verändert hat
Früher habe ich Texte oft liegen lassen, weil mir der Sprung vom Diktat zum lesbaren Artikel zu mühsam war. Heute ist genau dieser Sprung der einfachste Teil. Was bleibt, ist die inhaltliche Arbeit: Denken, Haltung schärfen, Beispiele finden. Genau dort, wo ich als Mensch den Unterschied mache.
Und ehrlich gesagt schreibe ich mehr seit ich so arbeite. Die Hemmschwelle ist gesunken, die Qualität dafür gestiegen. Klingt paradox, ist aber meine Erfahrung.
Mein Fazit
KI ist beim Bearbeiten von Rohtexten ein Verstärker, kein Ersatz. Sie nimmt mir genau die Arbeit ab, die mich vom Schreiben abgehalten hat, ohne mir die Arbeit abzunehmen, die mich als Autor ausmacht. Wer das Verhältnis umdreht und die KI denken lässt, bekommt austauschbare Texte. Wer die KI als Werkzeug einsetzt und selbst Regisseur bleibt, schreibt besser, schneller und mit mehr Profil als vorher.
Mein Rat: Diktier deinen nächsten Artikel, gib der KI klare Vorgaben für die Bearbeitung, und lies anschließend nochmal alles selbst gegen. Du wirst überrascht sein, wie viel von dir in einem Text steckt, wenn die KI nur das macht, was sie wirklich gut kann.

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