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Immer zu zweit sie sind. Und genau das ist das Problem.

Meister Yoda hat es schön gesagt. „Immer zu zweit sie sind. Keiner mehr, keiner weniger. Ein Meister und ein Schüler.“ Im Star-Wars-Universum funktioniert das gut. In meinem Beruf funktioniert es seit dreißig Jahren genauso. Der Senior hat einen Junior an seiner Seite, der Junior wächst am Senior, irgendwann übernimmt der Junior und wird selbst zum Meister. Eine Pyramide, die sich von unten erneuert.

Diese Pyramide ist gerade dabei, an der Basis wegzubrechen. Und niemand redet ernsthaft darüber.

Die Zahlen sind unbequem

Eine Harvard-Studie hat von 2015 bis 2025 die Beschäftigungsdaten von 62 Millionen Beschäftigten in 285.000 Unternehmen ausgewertet. Das Ergebnis: In Unternehmen, die generative KI eingeführt haben, ist die Beschäftigung von Juniors innerhalb von sechs Quartalen um neun bis zehn Prozent gesunken. Die Beschäftigung der Seniors blieb stabil. Eine parallele Stanford-Studie zeigt, dass die Beschäftigung von Software-Entwicklern zwischen 22 und 25 Jahren bis Juli 2025 um knapp zwanzig Prozent unter dem Höchststand von Ende 2022 lag.

In Deutschland ist die Lage noch deutlicher. Die Zahl der ausgeschriebenen Einsteigerstellen für Software-Entwickler ist seit 2020 um etwa vierundfünfzig Prozent gefallen. Senior-Positionen haben im selben Zeitraum nur fünfzehn Prozent verloren.

Man kann darüber streiten, wieviel davon wirklich KI ist und wieviel Zinsen, Pandemie-Korrektur und Konsolidierung. Die Richtung bleibt dieselbe. Die untersten Sprossen der Leiter werden abgesägt, oben wird weiter gebaut.

Warum mich das nervt

Das Problem ist nicht, dass Juniors weniger eingestellt werden. Das Problem ist, was das in fünf bis zehn Jahren bedeutet.

Ein Senior fällt nicht vom Himmel. Ein Senior entsteht, weil jemand drei, vier, fünf Jahre lang an echten Problemen geschwitzt hat. Weil er Bugs gefixt hat, deren Ursache an einer Stelle lag, an der er sie nie vermutet hätte. Weil er um zwei Uhr nachts ein Produktivsystem wiederbelebt hat und sich dabei einen Mentalkomplex zu Caching, Locking und Netzwerk-Timeouts aufgebaut hat, den er bis heute trägt. Weil ihm jemand auf die Finger geschaut, ihn korrigiert und ihm seine Denkfehler erklärt hat.

Genau diese Lernschleife läuft jetzt ins Leere. Der Junior fragt die KI, bekommt eine Antwort, baut sie ein, fertig. Kein Frust, kein Ringen, kein Mentalkomplex. Pädagogisch ist das ein Desaster. Lernen passiert genau dann, wenn man sich wirklich mit einem Problem auseinandersetzen muss. Wenn die KI diese Phase überspringt, entsteht Oberflächenkompetenz ohne Tiefe. Der junge Kollege liefert Code, kann ihn aber nicht erklären. Im Code Review ist die ehrliche Frage heute nicht mehr „Warum hast du es so gemacht“, sondern „Verstehst du, was die KI hier gemacht hat“. Und ehrlich beantwortet wird die Frage selten.

Mein Kollege beim Keycloak-Projekt hat es erlebt. Ich habe nur deshalb in vier Stunden eine funktionierende Integration hingestellt, weil ich dreißig Jahre Erfahrung im Rücken hatte. Ich konnte die KI bremsen, wenn sie auf den falschen Pfad lief. Wer das nicht kann, läuft mit der KI gemeinsam in die Sackgasse, nur schneller. Und genau diese Fähigkeit, die KI zu bremsen, entsteht in genau den Lernsituationen, die die KI gerade wegrationalisiert.

Die Pyramide ohne Basis

Eine schmale Basis und eine breite Spitze ist keine Pyramide. Das ist eine umgedrehte. Sie kippt. Heute fehlen uns laut Bitkom über hunderttausend IT-Fachkräfte in Deutschland. Wenn wir die Nachwuchspipeline jetzt austrocknen, fehlen uns in fünf Jahren nicht die Juniors. Es fehlen die Seniors. Und Senior-Kompetenz braucht Jahre. Die kann man nicht zur nächsten Hauptversammlung nachbestellen.

Der schöne Satz „den Senior von morgen können wir ja dann einstellen“ funktioniert nicht. Erstens gibt es den Senior dann nicht, weil ihm der Weg dorthin fehlt. Zweitens hat der Markt dasselbe Problem. Drittens dauert es zehn Jahre, und in zehn Jahren ist das Unternehmen tot, das diesen Plan verfolgt hat.

Was ich vorschlage

Ich glaube nicht, dass wir die Entwicklung aufhalten. Ich glaube aber, dass man als Unternehmen sehr bewusst entscheiden kann, ob man Teil des Problems oder Teil der Lösung sein will. Ein paar Gedanken, die ich nicht alle selbst erfunden, aber für richtig halte.

Die KI ist der dritte Stuhl, nicht der zweite. Yoda hatte recht, was die Lehrbeziehung angeht. Sie ist immer noch zu zweit. Mensch und Mensch. Der Senior und der Junior. Die KI kommt als Werkzeug dazu, als Verstärker für beide. Sie ersetzt nicht den Junior und sie ersetzt nicht den Senior. Wer den Junior durch die KI ersetzt, hat das System verstanden wie jemand, der bei einem Auto den Motor durch das Lenkrad ersetzt.

Review-first statt Code-first. Wenn die KI sowieso den ersten Wurf schreibt, sollte der Junior nicht schreiben, sondern reviewen. Der Code kommt aus der Maschine, der Junior zerlegt ihn, sucht Schwachstellen, schreibt Tests, vertieft die Stelle, an der die KI zu schludrig war. Das ist anstrengender als Schreiben und es schult genau die Fähigkeit, die später zählt: Urteilsvermögen. Wer KI-Code lesen und bewerten kann, ist auf einem Karriereweg, der trägt.

Reibung wieder einbauen. Die KI nimmt jede Reibung weg, und Reibung ist beim Lernen das, was Wärme erzeugt. Ein vernünftiges Ausbildungsmodell baut Reibung künstlich wieder ein. Zwei Stunden pro Woche ohne KI, in denen der Junior an einer Sache ehrlich verzweifelt. Code Reviews, in denen der Junior nicht das Ergebnis erklärt, sondern den Weg dorthin. Architektur-Diskussionen, in denen die KI bewusst draußen bleibt. Das ist kein Maschinenstürmertum. Das ist Didaktik.

Mentoring umbauen. Der Senior von heute muss mehr Zeit fürs Mentoring bekommen, nicht weniger. Mit KI im Werkzeugkasten kann ein Senior nicht nur einen Junior begleiten, sondern zwei oder drei. Die KI übernimmt die mechanische Last, der Senior konzentriert sich auf das, was Maschinen nicht leisten: Urteil, Kontext, Erfahrung weitergeben. Wer beim Senior die Mentoring-Zeit streicht, weil er angeblich mit KI produktiver ist, sägt am eigenen Ast.

Die Karrierepfade neu denken. Drei Jahre Boilerplate-Code schreiben, bis man Mid-Level wird, hat nicht mehr funktioniert. Das ist akzeptiert. Aber die Antwort ist nicht „dann schaffen wir den Mid-Level ab“. Die Antwort ist „dann definieren wir den Weg dorthin neu“. Was muss ein Mid-Level heute können? KI-Orchestrierung. Code-Review unter Druck. Architekturentscheidungen einschätzen. Sicherheits- und Betriebsfragen mitdenken. Das sind Fähigkeiten, die man systematisch ausbilden kann, wenn man will.

Ausbildung als strategische Investition begreifen. Solange die Buchhaltung Juniors nur als Kostenstelle sieht, gewinnt die Kostenstelle. Wer Ausbildung als das versteht, was sie ist, nämlich eine mehrjährige Investition in die eigene Überlebensfähigkeit, rechnet anders. Der Junior kostet zwei Jahre Geld und bringt im dritten Jahr Rendite. Wer das nicht durchhält, hat im fünften Jahr keinen Senior.

Was bleibt

Yodas Satz ist auch nach dreißig Jahren noch richtig. Wissen wird zwischen Menschen weitergegeben. Werkzeuge ändern sich, der Mechanismus bleibt. Der Senior braucht den Schüler genauso wie der Schüler den Senior. Ohne den Schüler hat der Senior niemanden, der einmal seine Stelle einnimmt. Ohne den Senior hat der Schüler niemanden, der ihn formt.

Die KI kann diese Beziehung mächtig verstärken. Sie kann sie nicht ersetzen. Wer das versucht, wird in fünf Jahren feststellen, dass er sich aus seiner eigenen Zukunft herausrationalisiert hat.

PS: Ich greife das Thema noch einmal aus einer anderen Richtung auf. In einem nächsten Artikel will ich darüber schreiben, wie sich die Definition von „produktionsreif“ verschiebt, wenn die KI mitschreibt. Denn das hängt enger mit der Juniors-Frage zusammen, als es auf den ersten Blick aussieht.

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