Ich lese seit Monaten dieselben Posts. „KI verändert die Softwareentwicklung fundamental.“ „Nichts ist mehr wie zuvor.“ „Wer jetzt nicht umstellt, ist morgen weg.“ Großartige Schlagzeilen. Mit der Realität in unseren Projekten haben sie wenig zu tun.
Ich behaupte: Was wir gerade erleben, ist keine Revolution. Es ist eine sehr ordentliche Effizienzsteigerung, die als Revolution verkauft wird, weil sich damit besser Beratung, Tools und Konferenztickets verkaufen lassen.
Der Beweis liegt im Prozess selbst
Schauen wir, wie wir heute Software bauen:
- Wir schärfen Anforderungen mit dem Kunden, jetzt mit KI
- Wir machen einen Plan, mit KI
- Wir schreiben ein Issue, macht die KI
- Wir geben das Issue an den Entwickler, also die KI
- Wir committen, die KI
- Wir testen
Fällt euch etwas auf? Der Ablauf ist identisch zu dem, was wir vor zehn Jahren gemacht haben. Dieselben Schritte, dieselben Artefakte, dieselbe Logik. Nur die Hände an der Tastatur haben gewechselt. Das ist keine Revolution. Das ist Outsourcing an ein Sprachmodell.
Was sich wirklich ändert, ist trivial einzuordnen
Ja, einiges fällt weg:
- Kein Backlog Grooming
- Keine Sprintplanung
- Kein Zwei-Wochen-Warten
- Kein dedizierter Entwickler pro Anpassung
Klingt groß. Ist aber genau das, was Automatisierung seit fünfzig Jahren tut. Der Bagger hat den Spatenstecher ersetzt. Excel hat den Buchhalter mit Bleistift ersetzt. CI/CD hat den Release-Manager ersetzt. Und jetzt ersetzt die KI eben den Junior-Entwickler an Routineaufgaben. Wertvoll? Absolut. Revolutionär? Nein. Das ist die Fortschreibung einer Geschichte, die seit der ersten Lochkarte läuft.
Eine echte Revolution sähe anders aus
Eine Revolution wäre es, wenn sich nicht die Werkzeuge ändern, sondern das, womit wir arbeiten. Wenn die Programmiersprache selbst so weit mutiert, dass kein Mensch sie mehr liest. Wenn Code Reviews unmöglich werden, weil der Code für menschliche Augen keinen Sinn mehr ergibt. Wenn Sona, SonarQube und sämtliche statische Analyse, die wir kennen, obsolet werden, weil sie auf Annahmen beruhen, die nicht mehr gelten. Wenn Architekturentscheidungen auf einer Ebene fallen, zu der wir keinen Zugang mehr haben.
Das wäre eine Revolution. Mit allen unangenehmen Konsequenzen: Kontrollverlust, Auditierbarkeit weg, Haftungsfragen ungelöst, Sicherheit auf neuem Spielfeld.
Davon sind wir weit entfernt. Was wir haben, ist ein extrem fähiger Werkzeugkasten, der dieselbe Arbeit schneller erledigt. Das ist gut. Das ist viel. Aber es ist keine Revolution.
Warum mich das nervt
Weil die Revolutionsrhetorik Entscheidern in Unternehmen suggeriert, sie müssten alles über Bord werfen. Architektur, Prozesse, Teams, Verantwortlichkeiten. Dabei brauchen wir das Gegenteil: nüchterne Integration eines mächtigen neuen Werkzeugs in bestehende, bewährte Strukturen. Wer jetzt panisch umbaut, baut zweimal um. Einmal jetzt, im Hype. Und einmal in zwei Jahren, wenn der Staub sich legt.

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