+49 173 5926916

info@mwolff.org

Butjadinger Straße 34a, 28197 Bremen

Einen Mangel verwalten

Ich gestehe. Anfang der 2000er habe ich bei einem Kunden abwechselnd zwei Sorten Release ausgeliefert. Das eine erfüllte alle geforderten Features und war fehlerhaft. Das nächste war in guter Qualität, dafür fehlte ein Teil des Funktionsumfangs. Und dann wieder von vorn.

Das war kein Plan, den ich stolz in ein Meeting getragen hätte. Das war Mangelverwaltung. Für Features und Qualität zusammen gab es kein Budget. Der Kunde wollte nicht mehr zahlen, mein eigener Arbeitgeber wollte nicht draufzahlen, und ich saß dazwischen und habe entschieden, welcher Schmerz diesmal dran ist.

Dabei wusste ich schon damals, was funktioniert. Eine saubere Architektur. TDD vom ersten Tag an. 100 Prozent Testabdeckung, und weil Coverage allein nur ein Stellvertreterwert ist, dazu Mutation Testing. Clean Code. Gates wie SonarQube, die rot werden, bevor etwas ausgeliefert wird. Das waren keine Geheimnisse. Das stand in Büchern, das hat Extreme Programming vorgemacht, das haben Leute auf Konferenzen erzählt. Es war nur nicht drin. Nicht im Budget, nicht im Zeitplan, nicht in der Bereitschaft des Managements auf beiden Seiten.

Ich kenne übrigens keinen Senior-Entwickler, der all das immer umgesetzt hat. Nicht weil er es nicht könnte. Die Zeit war nie da.

Und jetzt kommt die KI

Zwanzig Jahre später lese ich jede Woche Beiträge, die mir erklären, worauf es bei KI-gestützter Entwicklung ankommt. KI geht nur mit guter Architektur. KI geht nur mit Tests. KI geht nur mit klaren Modulgrenzen. KI geht nur mit Clean Code.

Stimmt alles. Ich unterschreibe jeden dieser Sätze. Was mich stört, ist das Wort „nur“, als hätte die KI eine neue Anforderung mitgebracht. Hat sie nicht. Software ging noch nie ohne Architektur. Sie ging noch nie ohne Tests. Sie ging nur trotzdem, weil die Folgen langsam kamen. Ein Projekt ohne Tests stirbt nicht in der ersten Woche. Es stirbt im dritten Jahr, wenn niemand mehr etwas anfassen will und jede Änderung zwei neue Fehler erzeugt. Bis dahin hat das Management längst gewechselt, und die Rechnung zahlt jemand anderes.

Ich frage mich manchmal, ob die Leute, die das heute als KI-Erkenntnis verkaufen, in den letzten zwanzig Jahren in realen Projekten unterwegs waren. Vermutlich schon. Vielleicht haben sie, so wie ich damals, einfach den Mangel verwaltet und nicht darüber geschrieben.

Die Lupe

Was die KI wirklich verändert hat, ist die Geschwindigkeit, mit der fehlende Qualität sichtbar wird. Ein Sprachmodell verstärkt Gewohnheiten, gute wie schlechte. Wer es auf eine Codebasis ohne Tests und ohne Struktur loslässt, bekommt in einem Nachmittag den Schaden, für den ein Team früher zwei Jahre gebraucht hat. Das Modell erzeugt lokal plausiblen Code, und ohne Leitplanken merkt niemand, dass er global falsch ist.

Die KI braucht also genau das, was Softwareentwicklung schon immer gebraucht hat. Nur sehen wir es jetzt wie mit einer Lupe. Die Lücke, die früher ein leises Ziehen war, ist jetzt ein Bruch, und zwar sofort.

Das ist für mich eine gute Nachricht. Zum ersten Mal in meiner Laufbahn kann ich einem Management vorrechnen, was fehlende Qualität kostet, ohne auf das dritte Jahr warten zu müssen. Das Argument, für das ich Anfang der 2000er kein Budget bekommen habe, liegt jetzt auf dem Tisch, und es braucht keine Folien mehr. Die KI führt es vor.

Wer die Lupe zum Anlass nimmt, endlich das zu tun, was immer richtig war, hat die KI verstanden. Wer die Lupe als neue Anforderung der KI verkauft, hat die letzten zwanzig Jahre verpasst.

Neue Beiträge als Mail

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Vorhandene Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert