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Die KI, die sich nicht erinnert und wie ich damit umgehe

Es gibt einen neurologischen Zustand, der sich Anterograde Amnesie nennt. Wer darunter leidet, kann keine neuen Langzeiterinnerungen bilden. Jedes Gespräch beginnt bei null. Der berühmteste Fall ist Henry Molaison, bekannt als „H.M.“, der nach einer Hirnoperation jahrzehntelang so lebte: intelligent, freundlich, hilfsbereit, und doch kein Gestern.

Genau so verhält sich eine KI in einem neuen Gespräch.

Kein Vorwurf – nur ein Befund

Lange hat mich das geärgert. Ich baue in einer Session einen komplexen Kontext auf, erkläre Zusammenhänge, treffe Entscheidungen und beim nächsten Aufruf ist alles weg. Blank. Wieder von vorne.

Inzwischen sehe ich es anders. Es ist kein Fehler, es ist der aktuelle Stand der Modelle. Ich habe das bereits in meinem Artikel „Die KI-Revolution in der Softwareentwicklung? Gibt es nicht.“ beschrieben: KI ist kein Zauberwerkzeug, das von alleine funktioniert. Man muss es bedienen. Bedienen heißt: strukturieren, regeln, wiederholen.

Ärgern hilft nicht. Vorkehrungen schon.

Was das mit meinem Workflow zu tun hat

In meinem Beitrag „Wie ich mit KI arbeite – mein Workflow vom Gedanken bis zur Produktion“ habe ich beschrieben, wie ein strukturierter Prozess mit KI aussieht: vom Diktat der Anforderung über den Plan und das GitHub-Issue bis zum Code-Review durch ein zweites Modell. Ein zentrales Prinzip: Die KI startet nichts ohne mein GO. Alles ist dokumentiert, referenzierbar, kontrollierbar.

Aber dieser Workflow hat eine stille Voraussetzung, die ich dort nicht explizit erwähnt habe. Die KI muss wissen, in welchem Kontext sie arbeitet. Sie muss die Regeln kennen. Die Entscheidungen der letzten Sessions. Den Stand des Projekts.

Und genau das bringt sie nicht mit.

Meine drei Maßnahmen

Die CLAUDE-workflow.md

Für jedes größere Projekt führe ich eine Datei namens CLAUDE-workflow.md. Sie enthält den aktuellen Stand, die getroffenen Entscheidungen, die Ziele und die nächsten Schritte. Bevor ich in einer neuen Session loslege, lese ich diese Datei ein – oder besser: ich lasse sie einlesen.

Diese Datei ist nicht für mich. Die kenne ich ja. Sie ist für die KI. Sie ist das Kurzzeitgedächtnis, das die KI nicht mitbringt. Ich bringe es mit.

Obsidian als externes Gedächtnis

Das zweite Instrument ist Obsidian, mein persönliches Wissenssystem. Ich habe es als Gedächtnisschicht zwischen mir und der KI etabliert. Projektnotizen, Hintergrundinformationen, Definitionen, laufende Überlegungen – alles landet dort.

Obsidian ist dabei nicht nur Archiv. Es ist der Ort, an dem Zusammenhänge entstehen, die ich dann gezielt in die KI-Session einspeisen kann. Die KI denkt scharf – aber nur in dem Rahmen, den ich ihr aufspanne.

Die Kontext-Datei: vor jedem Workflow-Schritt

Der dritte Baustein ist eine spezielle Obsidian-Datei, die ich regelmäßig pflege. Bevor ich einen neuen Schritt angehe, öffne ich sie und ergänze sie bei Bedarf: welche Prinzipien gelten, welche Fehler ich in früheren Sessions gemacht habe, was die KI unbedingt kennen muss, was zuletzt entschieden wurde.

Ich kopiere den relevanten Ausschnitt in die neue Session. Die KI bekommt damit nicht die ganze Geschichte, aber die, die sie braucht.

Das Prinzip dahinter

Es ist dasselbe Prinzip wie beim Code: Ohne strikte, immer wieder referenzierte Regeln entgleist die Ausgabe. Wer erwartet, dass die KI sich irgendwie erinnert oder sich aus dem Kontext herleitet, was gemeint ist, wird regelmäßig enttäuscht.

Das betrifft auch Sicherheitsaspekte: Wie ich in „Was Claude sieht, ist nicht weg“ beschrieben habe, ist der Prompt kein harmloses Notizbuch. Was man eingibt, zählt, in jede Richtung.

Der Aufwand liegt beim Menschen. Nicht als Kritik, sondern als Tatsache. Wer das akzeptiert und entsprechend vorsorgt, arbeitet effizient.

Fazit

Henry Molaison hat trotz seiner Amnesie jahrzehntelang neue Fähigkeiten erlernt – unbewusst, motorisch, schritthaft. Die Forschung nennt das prozedurales Gedächtnis. Auch das ist ein Hinweis: Man kann mit einem gedächtnislosen Gegenüber produktiv arbeiten, wenn man die Zusammenarbeit klug strukturiert.

Die CLAUDE-workflow.md, Obsidian als Wissensspeicher und die regelmäßig gepflegte Kontext-Datei – das sind meine drei Prothesen für das fehlende KI-Gedächtnis.

Kein Ärger mehr. Nur Vorkehrungen.

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