Gerade lese ich Posts, die erklären, dass jetzt jeder programmieren kann. Wir brauchen keine externen Entwickler mehr. Wir viben uns eine Software zusammen. Prompt rein, Code raus, fertig.
Ich verstehe den Reiz. Ich nutze KI selbst täglich. Aber was da gerade passiert, kenne ich. No-Code hat dasselbe versprochen. Dann Low-Code. Dann visuelles Modellieren. Die Schwelle sinkt. Das Verständnis nicht.
Vibe-Coding ist kein Programmieren. Es ist Konsumieren von Output (danke Sandra Looß für diese Analogie).
Das Problem ist nicht der Code. Es ist die Frage danach.
Wer Code nicht versteht, kann ihn nicht beurteilen. Das klingt banal. Die Konsequenz ist es nicht.
Generierter Code funktioniert oft beim ersten Versuch. Er kompiliert, er läuft, der Test ist grün. Was er nicht zeigt: ob er korrekt ist. Ob er unter Last hält. Ob er eine Angriffsfläche öffnet, die erst in sechs Monaten jemand findet. Diese Fragen stellt nur, wer weiß, dass man sie stellen muss.
Früher war ein Entwickler, der seinen eigenen Code nicht erklären konnte, ein Problem. Man hat ihn nicht eingestellt. Heute nennt man genau das Vibe-Coding und postet darüber auf LinkedIn.
Machine Learning: Die Kurve sieht gut aus
Das verschärft sich, sobald es nicht mehr um einfache Anwendungen geht.
Im Machine Learning gibt es einen besonderen Trugschluss. Metriken sehen überzeugend aus. Accuracy, Loss, schöne Kurven im Dashboard. Das Modell scheint zu funktionieren. Ob es das auf Daten tut, die es noch nie gesehen hat, unter realen Bedingungen, mit verschobenen Verteilungen: das steht auf einem anderen Blatt. Das zu beurteilen braucht Mathematik, Statistik, Erfahrung mit dem, was schiefgehen kann. Ohne das ist ein deployed Model keine Lösung. Es ist eine Wette.
Cybersecurity: Hier wird es ernst
In keinem Bereich ist die Verwechslung von Output und Kompetenz teurer als hier.
Ein Login-Flow kann sauber wirken und strukturell unsicher sein. Eine kryptographische Implementierung kann kompilieren und trotzdem falsch sein. Nicht falsch im Sinne von Syntaxfehler. Falsch im Sinne von: jemand mit Wissen bricht das in einer Stunde auf.
Security ist keine Eigenschaft, die entsteht, weil der Code fertig ist. Sie entsteht, weil jemand versteht, was Angreifer tun. Dieses Wissen generiert kein Modell.
Was Entscheider jetzt tun
Wer Personen einstellt oder in Projekten einsetzt, die mit KI Software, Modelle oder Sicherheitskonzepte produzieren, hat eine einzige relevante Frage: Kann diese Person das Ergebnis beurteilen?
Nicht erzeugen. Beurteilen.
Die Antwort „ich habe es mit Claude gebaut und es läuft“ ist keine Antwort auf diese Frage. Sie ist der Beweis, dass die Frage noch nicht verstanden wurde.
Vibe-Coding senkt die Einstiegshürde. Das ist gut. Es senkt nicht die Anforderungen an die Domänen, in denen Software eingesetzt wird. Das übersieht gerade fast jeder, der einen Post darüber schreibt.

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